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Dass Schweden im Hinblick auf\u00a0 Frauen \u00fcberdurchschnittlich viel zu bieten hat, ist bekannt. Dass Skandinavien grunds\u00e4tzlich sehr offen und liberal ist, ebenfalls. Und trotzdem, hat mich so einiges aufhorchen lassen und mir vor Augen gef\u00fchrt, dass die so oft proklamierte Toleranz gar nicht so einfach zu handeln ist, wenn du ihr mal gegen\u00fcber stehst.<\/strong><\/p>\n

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Auf- und untertauchen im Nachtleben Stockholms.<\/strong><\/p>\n

Wie in Z\u00fcrich, fehlt es leider auch Stockholm an einer etablierten Lesbenszene. Das Nachtleben wird haupts\u00e4chlich von schwulen oder gay\/mixed Parties dominiert.<\/p>\n

Lesben und Schwule sind, wie \u00fcberall und immer wieder eindringlich betont wird, in allen Bars und Clubs herzlich willkommen. So gibt es in Stockholm kein eigentliches Gay-Viertel. Die favorisierten L\u00e4den der Regenbogencommunity liegen aber haupts\u00e4chlich auf S\u00f6dermalm oder in Gamla Stan. Mit der von QX herausgegebenen Stockholmer Gay Map ausger\u00fcstet, habe ich mich also dran gemacht, das Angebot unter die Lupe zu nehmen und bin dabei auf Unerwartetes gestossen.<\/p>\n

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\"HAPPY_SOCKS_SHOT_04\"<\/a><\/p>\n

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You\u2019re gay, so what?<\/strong><\/p>\n

Im bekannten Club und Konzertsaal BERNS lauschte ich zuerst den fantastischen S\u00f6derberg-Schwestern von First Aid Kit, um danach am gleichen Ort die gay\/mixed Mittwochs-Party abzuchecken. Erwartungen an den Abend: hoch.<\/p>\n

Das Label und die Frage der Nacht lautete: ARE YOU GAY ON WEDNESDAYS? Eine berechtigte Frage, wie ich im Nachhinein feststellen musste. Nicht nur sehen die Lesben in Schweden allesamt hetero aus und machen einem somit bereits von Anfang an das Erkennen schwer, die Schweden sind zudem so offen, dass sich niemand vom Label einer Homo-Veranstaltung beirren lassen w\u00fcrde. Die Party war voller Heteros und Heteras, die so gar nicht viel Wert drauf legten, wo sie hier gelandet sind. Eigentlich ganz cool, oder?<\/p>\n

Und genau da merkte ich, wie ich mich durch diese Offenheit fast schon gest\u00f6rt f\u00fchlte. Nicht nur wurde ich von mehr M\u00e4nnern angegraben, als ich an einer Hand aufz\u00e4hlen k\u00f6nnte (und ja, ich bin noch in stolzem Besitz meiner 5 Finger), vor allem aber f\u00fchlte ich mich dem Privileg beraubt, von der Offenlegung der Homokarten profitieren zu k\u00f6nnen. Dieser Gedanke kam so schnell wie das schlechte Gewissen \u00fcber meine eigene Engstirnigkeit. Wer denkt nun in Schubladen, h\u00e4?<\/p>\n

Aber im Ernst, wenn sogar an Homoparties abertausende Heteros herumh\u00e4ngen, starten wir wieder bei Null und m\u00fcssen uns auf unseren Gaydar verlassen, der wahrscheinlich so verl\u00e4sslich ist, wie die SBB im Winter: zu oft defekt um sich damit wohl zu f\u00fchlen.<\/p>\n

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\"swedenstreetstyle\"<\/a><\/p>\n

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Nun gut, durchatmen und das Beste draus machen. Aufmerksamkeit erregt hatte eine besonders attraktive Person, nennen wir sie Johanna. Blond gewelltes Haar, gross (!), alleine mit Zigarette und ohne Feuer. Ich, auf Anhieb reichlich Feuer in der Hose aber kein Feuerzeug dabei, dr\u00e4ngte meinen neuen Bekannten Bj\u00f6rn inst\u00e4ndig und fast schon schroff dazu, mir schnell seinen \u00abt\u00e4ndare\u00bb auszuh\u00e4ndigen, um f\u00fcr Johanna den Funken springen zu lassen. Locker begab ich mich also zu ihr hin und liess das Feuer flackern, w\u00e4hrend dem sie sich die Zigarettenspitze an der Flamme meiner Leidenschaft verbrannte. Oh, Johanna…<\/p>\n

Zur\u00fcck in die Wirklichkeit. Den Umst\u00e4nden entsprechend war auf den ersten Blick nicht auszumachen, ob sie Interesse an eventuellem Vaginalaustausch whatsoever haben k\u00f6nnte, und so kehrte ich wieder zu Bj\u00f6rn zur\u00fcck um unsere Unterhaltung fortzuf\u00fchren. Johanna hatte mich nun bemerkt und ihre zuerst z\u00f6gerlichen Seitenblicke intensivierten sich im Verlauf des Abends, genau so wie das Herzklopfen in meiner Brust. Alles schien so viel versprechend. Und dann ging sie pl\u00f6tzlich Heim, einen letzten Blick zur\u00fcck werfend mit einem reuenden L\u00e4cheln auf den Lippen. Scheisse, was? Da h\u00e4tte ich Amok laufen k\u00f6nnen. Aber hey, immerhin hatte ich mittlerweile Bj\u00f6rn, Gustaf und Alfonso um mich herum stehen. Und Franz kam dann auch noch dazu. Der versuchte mich sogar zu bekehren. Vad kul.<\/p>\n

Nach Vorne schauen ist die Devise! Zusammen mit einem Freund zog ich ein paar Tage sp\u00e4ter los, um den ber\u00fchmten Switch-Club aufzusuchen. Haupts\u00e4chlich von Schwulen besucht, mit vielen schwedischen Lieder, bei denen lauthals mitgesungen wird, unterhaltsame Conchitas inklusive. Obwohl der Ruf dem schlussendlich mittelm\u00e4ssigen Club vorauseilt, war eine sehr gute und ausgelassene Stimmung anzutreffen.<\/p>\n

Eine auf mich sehr angetrunkene aber attraktiv wirkende, blonde, grosse (schon wieder, halleluja!) Schwedin verwickelte uns in ein Gespr\u00e4ch. Mit ihrer Hand auf meiner H\u00fcfte fragte sie uns pl\u00f6tzlich: \u00abSo, you two are a couple?\u00bb. Okay, kurz verwirrter Blickaustausch zwischen mir und meinem Freund. Z\u00f6gernd antwortete er \u00abNot at all, I mean… we\u2019re gay, and this is a gay club, so… \u00bb. Stirnrunzelnd und sichtlich irritiert die schnippische Antwort der Sch\u00f6nen: \u00abSo what?\u00bb. Hoppla, in unserer Engstirnigkeit ertappt, zum Zweiten! Und weg war sie.<\/p>\n

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Frustration auf hohem Niveau.<\/strong><\/p>\n

Alle guten Dinge sind drei. Das dritte Ziel war die Sonntangsparty auf dem ber\u00fchmten Boot Patricia. Ein Klassiker, den wir uns nicht entgehen lassen wollten. Frohen Mutes trafen wir dort ein und waren erst mal von der tollen Location beeindruckt: ein sch\u00f6ner Club auf einem dreist\u00f6ckigen Boot. Auch hier: zwar M\u00e4nner\u00fcberschuss, dennoch ein paar schmucke Frauen anwesend und eine sehr gute Stimmung.<\/p>\n

Mit meiner gelernten Skepsis im Hinterhof ging ich jedoch von nichts mehr aus, Homoparty hin oder her. Nach dem Motto \u00abDie l\u00fcgen doch alle!\u00bb betrat ich die Tanzfl\u00e4che. Lieber mal beobachten und Abstand wahren. Da auch in Stockholm die Szene \u00fcberschaubar zu sein scheint, trafen wir sogar bekannte Gesichter von der vorherigen Party an, ist ja fast schon wie in Z\u00fcrich. Aber eben nur fast.<\/p>\n

Hallo du heterosexueller Mann, mit dem ich spreche, der mich so witzig findet und mich mit dem Blick aufzufressen scheint, ich bin imfall lesbisch. Ja, echt, lesbisch! Nein, kein Kuss, hui, Hilfe nein, lass mich los. LESBISCH, F\u00d6R HELVETE! Ja, wir k\u00f6nnen Freunde sein, genau die besten Freunde ever. Okej, hejd\u00e5.<\/p>\n

So viel zu diesem Abend. Dieselbe frustrierende Erfahrung auch beim dritten Mal erlebend, liess ich es gut sein und gab jegliche Hoffnung auf, auf einer Homoparty mit Homos in Kontakt zu treten. Tsch\u00fcss, du toller Traum einer umwerfenden Schwedin im Monat Juni. Ihr k\u00f6nnt mich doch alle mal mit eurer schwedischen Offenheit! Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber ich mag es zu wissen, wer die Lesben sind und w\u00e4hrend meiner Jagd auf Frauen m\u00f6chte ich nicht von verirrten Pro-Homo-Heterom\u00e4nnern gest\u00f6rt werden. Ich wiederhole: Nicht! Tack s\u00e5 j\u00e4ttemycket!<\/p>\n

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\"IMG_5468\"<\/a><\/p>\n

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Fazit zwischen Lust und Frust.<\/strong><\/p>\n

Wir wollen doch Toleranz, da haben wir sie, mitten in Stockholm, die volle Ladung: Hier sind alle gleich, get over your sexual orientation. An diesem Punkt frage ich mich: W\u00e4ren wir \u00fcberhaupt soweit, unsere Anderswertigkeit aufzugeben, die sich als so zentrales Merkmal unserer Identifizierung verankert hat?<\/p>\n

Wenn du in Arlanda deinen Fuss aus dem Flugzeug setzt, betrittst du eine Welt, in der auch Schaufensterpuppen lesbisch sein d\u00fcrfen und du auch mal mehr Heteros an Gayparties antreffen kannst, als Homosexuelle. Denn die Schweden scheinen etwas geschafft zu haben, das man selten auf der weiten Welt antrifft: Das Verwischen der Abgrenzungen, die Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber Labels, die Akzeptanz in ziemlich jeder Hinsicht und im Alltag. Die Ber\u00fchrungs\u00e4ngste, die ich mir von vielen Heteros in Bezug auf Gay-Parties gew\u00f6hnt bin, habe ich in Schweden nicht angetroffen. Und wenn ich meinen ganzen Frust, keine Schwedin abbekommen zu haben, auf die Seite lege, wird mir doch klar, wie unglaublich diese Errungenschaft ist. Zu Recht blicken wir immer wieder hoch in den Norden, unserem liberalen Vorbild. Ein Hoch auf Schweden! Und Johanna.. irgendwann!<\/p>\n

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